Ein Plädoyer für das (sich) Vergleichen

„Wenn du dich mit anderen vergleichst, machst du dich unglücklich.“

„Vergleich ist ein Nährboden für Minderwertigkeitsgefühle und Depression.“

„Vergleichen – Saboteur des Glücks“

„Wenn du unglücklich sein willst, vergleiche dich.“

„Vergleiche dich nicht mit anderen!“

Entspannt und müßig surfe ich so durch das www, nichts Besonderes suchend. Stosse wiederholt auf solche Sätze wie oben. Spüre, dass sich in mir ein leiser Unwille regt.
Soso, „sich vergleichen“ ist also unheimlich schädlich, gefährlich und führt in die Depression. Das muss ich erst mal sacken lassen. Wenn ich es nämlich genau überlege, tue ich den ganzen Tag nichts anderes! Und am nächsten Tag auch wieder! Und übermorgen ebenfalls! Und das Woche für Woche, Jahr um Jahr…

Bitteres Ende

Logisch weitergesponnen bedeutet das: irgendwann – und zwar weit vor meinem vom Universum oder sonstwem angedachten natürlichen bioliogischen Ende – nehme ich mir den Strick und erschiesse mich.

Ich bin ein Vergleichs-Nerd

Das kann ich natürlich so nicht stehen lassen und muss mal gaaaanz tief in mich gehen. Geht morgens beim Aufstehen schon los: „Oooooh, autsch, gestern war es nicht so mühselig, aus den Federn zu kommen…“; kaum sind die paar Meter zum Bad überwältigt, der Blick in den Spiegel: „War die gestern auch schon da? Kenn ich nicht, die wohnt hier nicht!“ Der Vergleich mit dem gestrigen Anblick fällt nicht immer positiv aus. Manchmal aber schon!

Ab ins facebook, die Video-Challenge läuft und es gibt heute eine neue Aufgabe. Ich schaue mir die Videos der anderen an – und vergleiche! Aber sicher doch! Ganz dezidiert vergleiche ich die Videos der anderen Teilnehmer mit meinen eigenen! Lieber Leser, liebe Leserin – sorry, ich kann gar nicht anders!

Ich scrolle mich durch die Kommentare – auch da vergleiche ich automatisch mit meinen Gedanken, Meinungen, Werten, Stil, Ausdruck, Wortwahl etc…. ich merke schon, ich bin ein Vergleichs-Nerd!

Dann geht´s ab in die andere facebook-Gruppe, da ist heute das Selfie-Fieber ausgebrochen. Wieder denkt es in mir: „Hach guck ma, so zerzaust wie ich!“, „Oooh, diese Jacke! Viel schöner als meine!“, „Hey, tolle Figur, hätte ich auch gerne!“

In den Business-Communities gehen mir die Augen über, ich komme ins Staunen und ja, ich werde auch neidisch: „Die sind alle schon viel weiter als ich!“, „Boah, richtige Power-Typen, dagegen bin ich ´ne Packung Valium“, „Ach guck´ mal, der hängt gerade am gleichen Problem wie ich“, „Uff, die verdient sich sicher schon dull und dämlich, das schaffe ich nie!“

Vergleichen offline

Genug herumgewwwt, ich fahre in die Stadt, einkaufen. Vergleiche die Größe meines Autos mit der der Parklücke. Ja, auch dieser Vergleich fällt unter Umständen nicht immer so ganz günstig aus.

Ich vergleiche die Längen der Schlangen an der Supermarktkasse, die Inhaltsmengen der Einkaufswagen.

Ich vergleiche meine eigene Kleidung mit der der anderen Menschen um mich herum.

Jawoll, – ich kann nicht umhin – ich urteile, ich verurteile, ich bewundere, ich assoziiere (und unterstelle) gewisse Eigenschaften der Menschen und Dinge, die mir im Laufe eines Tages so begegnen.

Und warum das Ganze?

Warum mache ich das? Wieso halte ich mich nicht einfach an den oft gegebenen Ratschlag „hör´ auf, dich zu vergleichen?“ Ich komme wahrlich nicht immer gut dabei weg! Wieso also tue ich mir das an und bemerke, dass andere schöner, reicher, besser sind als ich?

MEINE Antwort: Weil ich nicht anders kann.

Ich halte mich für ein Lebewesen, welches darauf angewiesen ist, zu vergleichen. Und zwar, um zu überleben, ja sogar: um möglichst gut zu überleben.
Genau dafür bin ich als Mensch mit genau diesen Wahrnehmungssystemen für genau diese Welt ausgestattet worden.

Die Stracke von innen

Bei mir fühlt sich das so an:
Meine Sinnesorgane liefern den Input, der bombardiert blitzschnell meine Neuronen und die feuern was das Zeug hält um die Neuankömmlinge in vorbereitete Schubladen – platzsparend deponiert im tiefsten Unterbewusstsein – einzusortieren.

Ganz klar nach folgenden Kategorien: a) bekannt + ungefährlich, b) bekannt + gefährlich, c) unbekannt + allein deshalb schon potentiell gefährlich.

Das geschieht vollautomatisch und bis die vom Hirn getroffene Bewertung des Menschen/der Situation in meine Muttersprache übersetzt als ganzer Satz in den Neocortex geplöppert ist, sind laaaange Sekunden verstrichen.

Achtung: Exkurs!

(Einschub: Eine Sekunde ist die Zeit, in der die Teilchen eines Mikrowellenstrahls während des Übergangs von einem Energielevel im Cäsium-Atom zum anderen 9192631770 Mal hin- und her geschwungen sind….also nochmal in Worten: neunmilliardeneinhundertzweiundneunzigmillionensechshunderteinunddreissigtausendsiebenhundertsiebzig Mal – probiere das doch mal mit deinem grossen Zeh aus, in der Zeit kann viel passieren)

Weiter im Text

Echt jetzt, ich bin von Natur aus mit dem Vergleicher-Gen ausgestattet. Du kannst mir tausendmal raten, das mit dem Vergleichen lieber bleiben zu lassen – ich schaffe es nicht. So arbeitet mein Körper, so arbeiten meine Zellen. Meistens zum Glück in recht stabiler Kooperation mit meinem Verstand. (Behaupte ich jetzt mal.)

Riecht oder schmeckt das, was ich einatme, plötzlich komisch, springen die Alarmsysteme an. Kurzer Abgleich mit sämtlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit. Brennt´s? Soll ich weglaufen?

Unterschreitet ein griesgrämig dreinschauender Mensch meine Individualdistanz, das auch noch mit hoch erhobenem Arm, werde ich mehr als stutzig.

Finde ich jemanden schöner, besser, reicher und sowieso himmelweit intelligenter als mich, kommen auch komische Gefühle hoch.

Sich vergleichen ist gar nicht so schlimm

Daraus schliesse ich: Das Vergleichen ist 1. überlebensnotwendig und 2. artgerecht zellimplementiert.
Dagegen anzugehen wäre so, als würde ich versuchen, mir den Stoffwechsel meines Körpers abzugewöhnen.

Hinterfragen und Hingucken

Was ich aber in der Hand habe, ist:
Wie nutze ich das Prinzip des Vergleichens FÜR mich? Der Vergleich an sich ist doch gar nicht schlimm – schlimm kann werden, was ich draus mache. Welche Schlussfolgerungen ich ziehe.
Habe ich grundsäzlich schon eine miese Meinung über mich, finde ich durch Vergleiche tausend und mehr Beweise für meine Unzulänglichkeit.

Was ich dabei nicht beachte: die Einseitigkeit meiner Schlussfolgerungen.

Ergo liegt das Übel wohl nicht im Vergleichen an sich, sondern darin, dass ich diese Arbeitsweise meines Hirns gegen mich verwende. Muss das? Nö.
Ich darf mich frei dazu entschliessen, meine Schlussfolgerungen nicht gar so einseitig ausfallen zu lassen.

Ich nutze den Schwung des Vergleiches „Boah, die sieht sooo gut aus, das schaffe ich niiiee!“ direkt aus und frage mich z. B. a): „Will ich das denn überhaupt?“ oder b): „Vielleicht ja doch – was kann ich dafür tun?“

Vergleichen kann manchmal komische Gefühle verursachen, wie oben schon erwähnt. Unangenehm sind sie, diese Gefühle. Wir wollen sie dann doch möglichst schnell wieder loswerden. Dabei sind sie ein so wertvoller Hinweis auf unsere innersten Baustellen! Da hält der Gefühls-Verkehrspolizist die Kelle raus und ruft: „Ey, reparieren! Frist bis zum xxx, dann erst weiterfahren!“

Ausser Neid. Bei Neid gibt´s bei mir nichts zu reparieren. Neid ist bei mir das Gefühl „ooooaahh, will ich auch!“, also mehr ein Wunsch. Der mir vielleicht gar nicht so bewusst war, durch den Neid aber an die Oberfläche gespült wird.
Den anderen beneide ich zwar um das, was er hat, aber ich neide es ihm nicht. Er darf es gerne behalten. Und ich darf wieder schauen, was ich tun kann, um es ebenfalls zu erlangen. Na, wenn das kein Ansporn ist, schneller, schöner, höher, reicher zu werden!

Die Bereicherung

Ja. Ein bisschen Denken muss ich schon. Fast noch wichtiger: ins Tun kommen. Machen, Ausprobieren, Üben. Neugierig sein und mir erlauben, aus dem Vergleichen Profit zu schlagen. Ich bereichere meinen Geist, meinen Horizont, meine Fähigkeiten und vielleicht auch mein Portemonnaie.
Ohne mich zu vergleichen hätte ich es verdammt schwer, mir Ziele zu setzen. Geschweige denn, darauf hin zu arbeiten.
Ohne mich zu vergleichen würde mir das Gefühl fehlen, Teil dieser Welt zu sein und mit anderen Existenzen zu wechselwirken.
Ohne den Vergleich mit anderen, ohne den Gegencheck von Gemeinsamkeiten und Unterschieden würde mir jegliche Messlatte, jeglicher Anhaltspunkt für mein eigenes Sein und Wirken fehlen. Das mag für ein einzelnes Elektron im All okay sein; für mich ist es das nicht.

Ich bleib dabei: Vergleich macht reich!

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Vergleich macht reich

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