Krankenhausbesuch. Meine 96jährige „Ersatz“oma ist gestürzt.
Seit ungefähr einem Jahr lässt ihr Gehirn sie langsam, ganz allmählich im Stich, aber nach knapp 1,5 Sekunden hat sie mich erkannt:
„Ach Kind, Andrea!“

Die übliche Begrüßung, das übliche Abixen der Befindlichkeiten: Wie geht´s dir? Hast du Schmerzen? Hunger, Durst? Du hast da noch einen Joghurt stehen…..kann ich dir was bringen? Brauchst du was?

Bäh, ein Fragebombardement volle Breitseite auf die alte Dame. Muss ja nicht sein; ich bremse mich. Die anderen fragen bestimmt auch alle….obwohl, ausser mir kommt ja sonst keiner. Abgesehen vom medizinischen Personal.

Einsamkeit – die hat ihr seit dem Tod ihrer besten Freundin (die wo meine Mutter war), vor einem Jahr immer mehr zu schaffen gemacht.

Nicht das Gefühl von Alleine-Sein an sich, sondern das Gefühl des Übrig-geblieben-Seins. Keiner mehr da, der dieses Lebensgefühl teilt, niemand, mit dem man auf Augenhöhe über das Erlebte sprechen kann. Selbst die Generation darunter ist ihr bereits weggestorben.

Nun liegt sie da. „Ich weiss gar nicht, was ich hier soll!?“ Ich erzähle ihr, warum sie liegt, wo sie liegt. Ob sie sich an ihren Sturz erinnern kann?

„Ja! Plötzlich war ich weg! Gestolpert…..oder vielleicht wurde mir schwindelig….“ Aha, also: nein, kann sie nicht.

Ich probiere, ein Gesprächsthema zu finden und schnappe mir ein Büchlein mit Bibelsprüchen. Ich weiss, dass sie oft und gerne in der Bibel gelesen hat.

Nur die Offenbarung, darüber hat sie sich stets entrüstet, was soll denn sowas plötzlich? Was ist denn das für ein Gott? Und schwups, waren wir beide ganz tief im Sein der Dinge unterwegs, haben die Sache mit dem Herrn Gott von allen Seiten beleuchtet….um es vorweg zu nehmen: nein, wir haben die Auflösung bis heute nicht gefunden, fühlten uns aber jedesmal aneinander bereichert. Auch eine schöne Lösung.

Das mit der Bibel klappt heute nicht. Null Resonanz.

„Du liegst total schief, soll ich dich nicht mal geradezuppeln?“
„Ich weiss nicht…ich glaube, nicht….“
Okay….

Ich bringe ihren Ehemann und andere Menschen aus ihrer Vergangenheit ins Spiel. Nö. Nichts klingelt in ihrem Kopf. Sackgasse.

„Ich weiss gar nicht, was ich hier soll!?“ Ich will einhaken, da spricht sie weiter: „Ich verstehe das gar nicht.Ich sehe doch dieses Bild!“ Ihr ausgestreckter Zeigefinger weist auf den Druck eines französischen Malers.

„Dieses Bild sagt mir doch alles!“

Ah, äähm…ja? Das Bild zeigt einen Blumenstrauss, den sie letztens noch einfach nur schön fand.

„Was sagt dir das Bild?“

„Naja, ich sehe es doch! Ich müsste doch jetzt wissen….was das Bild … mir …sagen will….“

Ich schweige, beobachte sie. „Komische Welt….hinter dem Bild ist noch eine Welt….die darf ich nicht sehen…die ist dann im anderen Zimmer….“

Mir fällt nichts ein dazu, ich nicke nur.

„Also“, plötzlich kommt Leben in sie, geradezu energisch wird sie, „das ist ja eine verrückte Welt! Gerade hat doch HIER jemand Näpfe aus dem Zimmer getragen! DAS konnte ich ganz deutlich sehen!“

Yepp, eine Pflegerin hatte inzwischen die Infusion abgenommen und Pillendöschen vom Tisch geräumt.

„Ich sehe doch das Bild!! Wieso kriege ich keine Antwort auf meine Frage??“

„Was möchtest du von dem Bild denn wissen?“

„Jaaa, diese Welt hier sehe ich und ich sehe die Welt hinter dem Bild, aber die Welt hinter dem Bild hat keine Worte für mich!“

Uff. Die alte Dame ist sichtlich in Nöten, die Ungewissheit macht ihr zu schaffen. Wie komme ich jetzt aus dieser Nummer wieder raus?

In meiner Verzweiflung wage ich die Flucht nach vorne in höchst philosophische und noch höchstere unwissenschaftliche Ergüsse.

„Weisst du, das Bild will dir etwas sagen.“ – „Ja?“ Wow, nun habe ich ihre volle Aufmerksamkeit. Ja Stracke, jetzt lass´ dir mal flugs was einfallen….

„Siehst du, das das Bild ein wenig spiegelt?“ Nun ja, genauer gesagt, die Glasscheibe davor. Aber mit solchen Details halten wir uns jetzt nicht auf.

„Ja, das sehe ich!“ Gespannt schaut sie auf das Bild.

„Dieses Bild strahlt also zu dir zurück. Das heisst, es sagt dir, dass die Antwort, die du suchst, in dir selber zu finden ist.“
Staunen, grooooße Kulleraugen, die nun direkt auf mich gerichtet sind.
„Ach! So ist das!“

Sie lässt den Kopf zurück auf´s Kissen sinken. Denkt ein paar Augenblicke nach.

„Ich seh´ aber nichts“ kommt es dann knochentrocken. Ach, wie sehr ich sie verstehe….

„Ich finde da nichts….in mir…..da spiegelt ja auch nichts mehr….“ Ach, wie sehr ich sie verstehe…

Ich beuge mich zu ihr herunter – tatsächlich ist von ihrer Position aus kaum noch eine Spiegelung zu sehen. Ich erzähle ihr, dass das mit dem Einfallswinkel der einfallenden Sonnenstrahlen zu tun hat und wir der Sache zu einer anderen Tageszeit nochmal auf den Grund gehen werden.

Es folgt ein dickes verständnisvolles „Oh jaaa!“, als hätte ich ihr den Stein der Weisen kredenzt.

Schweigen. Dann: „Aber das mit der Welt hinter dem Bild, das ist gemein. Ich sehe sie doch….!“

Ich frage sie, ob ihr das Bild Angst macht. Nein. Und die Welt dahinter? Nein. Aber ein komisches Gefühl sei es doch. Die eine Welt, die hier, sei so klar, da sehe sie doch alles und hätte Worte dafür, die andere hingegen….

Erschöpft seufzt sie. Ich frage sie, ob wir uns nun bei der Welt hinter dem Bild zum Feierabend abmelden. Jeder Mensch braucht mal eine Pause.
„Wir werden es nicht herausfinden, nicht wahr?“ fragt sie mich bange.

„Nein, heute nicht. Und das ist gut so, denn die Welt hinter dem Bild ist nicht dazu gedacht, dass wir sie auf Anhieb erkennen. Vielleicht wird sie uns Stück für Stück sichtbar gemacht. Was hältst du davon, wenn wir uns für morgen mit der Welt hinter dem Bild wieder verabreden?“

Freude strahlt aus ihren Augen: „Oh ja! Das ist eine gute Idee!“ So langsam nickt sie hinweg, erstmal in die Welt des Schlafes.

Ganz schön anstrengend, so ein Weltenwechsel.

Die Sache mit „hinter dem Bild“
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