Der letzte Halt: die Türklinke

Hoch motiviert rausche ich ins Krankenhaus, meine Oma besuchen.
Bereit, mit ihr zusammen die Welt „hinter dem Bild“ zu erforschen, was auch immer diese uns zeigen möge.

Ihre Tür steht offen – das Bild ist noch da, Oma sowie Bett verschwunden.
Aha, verlegt auf Station 13, erfahre ich auf Nachfrage.
Na prima, denke ich mir. Station 13 ist die Geriatrie. Ganz oben, Dachgeschoss. Sinnig in einem nicht klimatisierten Gebäude. Draussen sind es 37° Grad im Schatten.

Auf der 13 gibt es an die 20 Zimmer….ich frage im Büro nach der Zimmernummer.
„Frau B.? Kenne ich nicht.“ Ein Kollege wird herbeigerufen. „Eine Frau B.? Hmmmhm, wüsste ich jetzt nicht….vielleicht auf der 12…?“ Allgemeine Ratlosigkeit.
„Wir hatten heute so viele Neuzugänge…gerade Übergabe….noch nicht alle Zimmer durch…“

Ich baue jetzt mal kräftig auf die neumodischen Gepflogenheiten, dass digitale Verwaltungsakte vorrangig bearbeitet werden und hoffe, an der Krankenhaus-Information Genaueres zu erfahren. Also ab ins Erdgeschoss.
Jau, Volltreffer, das System weiss Bescheid. Mit den genauen Koordinaten ausgestattet, peile ich zielstrebig wieder die 13 an und finde meine Oma auf Anhieb.

Da liegt sie. Ein Häufchen Elend in einem elendigen Zimmer. Klein, eng, stickig und… sagen wir mal…. recht reizarm ausgestattet.
Weisse Wände, wohin man schaut. Ein Fernseher. Tisch und Stuhl in der Ecke. Kein Bild.
Der Blick aus dem Fenster bietet dir hier oben nur noch den hoffnungsvollen Ausblick auf deine Zukunft: Himmel, nichts als Himmel. Kannst schon mal Hallo sagen. Himmel Herrgott nochmal.

„Ach Kind, was soll ich hier? Die haben mich einfach abgeschoben! Ich verstehe das gar nicht, was hat das alles zu bedeuten? Was soll ich hier?“
Angst und Verzweiflung branden mir entgegen, einen Moment lang bin ich eins zu eins in ihrer Erfahrungswelt.
Sie weint leise. Ich auch.
Gemeinsam kosten wir diese Trauerminuten der absoluten Einsamkeit aus.
Worte versagen an manchen Stellen, und dies ist so eine.

Ich krieg´ mich wieder ein, versichere, dass ich bei ihr bin und bleibe und verschaffe mir ein Bild der Lage:
Neue Station, neue Gesichter, neue Namen….fremd, alles fremd. Und eng und heiss. Die Infusion ist bald durch. Kein Bettwagen, keine Klingel, nichts zu trinken.
„Wie lange liegst du denn schon hier?“ – „Laaaange! Und keiner kümmert sich! Und guck´ dir mal das Zimmer an! Das ist doch eher ein Käfig!!“ bricht es aus ihr hervor. „Ich fühle mich gar nicht wohl!“
Ui, das heisst schon was. Solche Worte aus ihren Munde! Stammt sie doch aus einer Generation, in der es – vor allem für Frauen – als Zeichen von Stärke galt, alles klaglos hinzunehmen. Da hat sie sich dran gehalten. Immer. Leider.

Ich sorge zunächst mal für Wasser. Durstig trinkt sie einen halben Liter fast am Stück. Erleichtert lehnt sie sich zurück: „Das tat gut!“
Na, dann schau´n wir doch mal, was die Station sonst noch so hergibt und tatsächlich: einen von diesen rollenden Nachttischchen konnte ich organisieren und gleich noch die behandelnde Oberärztin dazu.

Die leider noch so gar nicht im Bilde war. Weder über Vorerkrankungen, Akutfall noch Mobilisierungsgrad. „Übernahme….Neuzugang….keine Zeit gehabt, in die Akten zu gucken….“

Von Lauftraining ist die Rede…. ups!….ich gebe das frisch gebrochene Becken zu bedenken und eine ebensolche Hüfte….ach so, ja dann lieber nicht….

Immerhin, nach einem Blick auf das Namensschild am Bett wird Frau B. mit Frau B. angesprochen, lieb und nett. Frau B. ist auch ganz Ohr, glücklich, dass sich jemand überhaupt mit ihr befasst.
Es geht um die weitere Vorgehensweise, um die fehlende Patientenverfügung, darum, welche Behandlung meine Oma im Ernstfall gerne hätte oder welche eben auch nicht.
Die ganze Oma drückt von oben bis unten volle Aufmerksamkeit aus. Ich, die ich sie schon mein ganzes Leben lang kenne, sehe jedoch, dass sie von der Informationsflut, die auf sie niederprasselt nicht ein Fitzelchen aufnimmt.
Aber am Ende soll sie entscheiden: möchte sie um jeden Preis an lebensverlängernde Maschinen oder nicht?

Hoffnungslos überfordert kommt es aus ihr: „Tja, da weiss ich jetzt auf Anhieb gar nicht, was ich sagen soll….im Grunde bin ich ja ein aufgeschlossener Mensch, ich habe ja nichts gegen Maschinen…..“ Mensch Oma, du redest dich um Kopf und Kragen….

Ich bitte die Ärztin, noch nichts zu dokumentieren….. verspreche, die Patientenverfügung irgendwo in diesem Krankenhaus aufzutreiben und ihr heute noch zukommen zu lassen….

Wieder allein mit Oma, frage ich sie, ob sie bis zum nächsten Besuch morgen irgendwie klarkommt. Durchhalten heisst die Devise und ´s Maul aufmachen, wenn sie was braucht. Aber gut, das ist vielleicht etwas viel verlangt. Für sich zu fordern….

„Ach weisst du, Kind, ich habe ja die Türklinke.“
Aus meinem Stammhirn kleckern Fragezeichen in den Neocortex.
Ich folge ihrem Blick zur Badezimmertür. „Die Klinke gibt mir Halt und Kraft. Wenn gar nichts mehr geht, schaue ich auf die Klinke. Die ist immer da, die ist stabil. Da habe ich wenigstens ein bisschen Sicherheit. Das empfinde ich als sehr tröstlich.“

Mir bleibt nichts anderes übrig, als sie darin zu bestärken – die Klinke macht auf mich einen recht beständigen Eindruck….und kann sie morgen als alte Bekannte willkommen heissen….

Mehr als nachdenklich fahre ich nach Hause.
Der einzige Trost am Ende des Lebens eine Badezimmertürklinke…

Der letzte Halt: die Türklinke
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