Endlich hat es sich draussen etwas abgekühlt; ich hoffe, in den Krankenzimmern auch. Im Erdgeschoss: Fehlanzeige, heiss und stickig ist es hier. Mit düsteren Vorahnungen erklimme ich die 13. Etage und bin erleichtert. Je höher ich komme, desto erträglicher wird es.

Hinein ins Zimmer – oh! Oma schläft tief und fest. Und ruhig. Ich lasse sie schlafen, setze mich auf dem Flur an den Besuchertisch zu zwei Patienten, eine davon ist die Bettnachbarin meiner Oma. Wir plaudern gemütlich und ich erfahre, dass soweit wohl alles im grünen Bereich ist, die Oma mache alles brav mit und die Angst hätte sich wohl nach dem Schock über die neue Station gelegt.

Na, denke ich, schau´n wir mal und gehe nochmal leise zur Oma. Sie schläft immer noch. Bis ein Pfleger still und vorsichtig, nahezu ohne ein Geräusch Tablettenschachteln abstellt.

Gar nicht nötig, denn Oma ist gehörig schwerhörig. Dennoch: schwups, ist sie wach – ohne Übergang, von jetzt auf gleich. Sie sieht mich und strahlt. Wir begrüßen uns. Dass sie geschlafen hat, weiss sie gar nicht….

Und fängt sofort an zu erzählen:
„Man liegt hier gut! Das ist schon ein exzellenter Service!“ Oha! Ich staune. Was war denn hier los? Oma, was hast du genommen und wo kriegt man das her? Laut frage ich aber nur den ersten Teil ab. Was denn so los sei.

Statt einer Antwort fasst sie ihre Hände und hebt beide Arme hoch: „Aufstehen!“
Sie lässt sie wieder sinken: „Hinsetzen!“
So geht es ein paarmal rauf und runter: Aufstehen, Hinsetzen, Aufstehen, Hinsetzen.

Sie kann die Arme nur noch bis knapp unter die Kinnspitze heben, von der Bettdecke ca. 15cm hoch. Erschöpft, aber glücklich erklärt sie mir:
„Das hat was mit dem Gerät zu tun. Das steht in Verbindung mit dem da.“ Sie zeigt vom Fernseher hinauf zum in der Decke eingelassenen Lautsprecher.

O je, da bin ich jetzt aufgeschmissen, keine Ahnung, was sie meint. Deshalb nicke ich einfach.

So ganz befriedigt sie das nicht und sie startet einen neuen Erklärungsversuch. „Der Mann hat eine Verbindung mit dem da, und das steht in Verbindung mit dem da. Und der sagt mir das gar nicht, das ist doch nicht so richtig in Ordnung. Ich habe das ja nicht so gerne.“

Ich folge ihrem Finger, gucke hilflos zwischen dem Fernseher und dem Lautsprecher hin und her. Das einzige, was ich eruieren kann: anscheinend war der Physiotherapeut da.

„Ich soll wieder laufen und da gibt es eine Verbindung und das ist doch nicht richtig mit diesen Geräten und wie soll ich das denn wissen?“

Puh, ich stehe auf der Leitung und schweige. Oma guckt mich an, dann den Fernseher, dann den Lautsprecher. Hebt und senkt die Arme: Aufstehen, Hinsetzen. Dann blickt sie mir mitten ins Gesicht: „Du weisst gar nicht, was ich dir sagen will, nicht wahr?“

Wow, voll erwischt. Was bleibt mir anderes übrig, ich muss es zugeben.

Nun gibt sie sich alle Mühe. Sie geht nach innen, voll konzentriert. Ich kann ihr Gehirn förmlich denken sehen. Ich spüre, sie hat eine klare Vorstellung von dem, was sie mir mitteilen will. Nur die Worte, die Worte dafür sind nicht mehr da. Gelöscht.

„Hach ja, was soll´s. Ich muss ja auch nicht alles wissen. Weisst du Kind, man muss nicht alles wissen. Im Grunde ist es ja auch mal schön, nicht selber an alles denken zu müssen. So kann ich hier in Ruhe liegen. Die anderen müssen denken.“

Das wiederum bestätige ich nur zu gerne, aber Oma ist schon woanders: sie lässt ihre Füsse tanzen. Kichernd schaut sie die Bettdecke entlang, sehr entzückt über das Kasperletheater, welches sich dort am Bettende abspielt. Grinsend lobe ich sie: „Hey, die sind aber munter!“

„Die gehören mir! Die nimmt mir keiner weg!“ – „Nein, natürlich nicht.“ – „Die stehen in Verbindung mit dem Gerät, das hat was damit zu tun. Aber mir sagt das keiner und ich müsste das doch wissen. Das ist doch nicht richtig. Ich will das glaube ich gar nicht.“

Der Fernseher, immer der Fernseher, das verflixte Gerät. Ich bin ziemlich ratlos und versuche, ihr den Fernseher nahezubringen. Drücke ihr die Fernbedienung in die Hand und erkläre ihr, dass sie damit die Chefin über das „Gerät“ ist. Mit einem Knopfdruck könne sie der Verbindung den Saft abdrehen.

Ich mache es ihr vor. Einschalten – Ausschalten. Sie versteht – nichts. Niente. De nada. Rein gar nichts. Mir fällt bloss auf, dass sie mehr als interessiert die laufenden Bilder während der „Ein“- Phasen verfolgt.

Okay, dann probiere ich es mit Ablenkung. Wir lassen den Fernseher laufen, ab und an lacht sie. Keine Ahnung, worüber. Mir aber auch wurscht: Hauptsache, sie lacht!

O je, nun wird ein Fussballspiel übertragen. Mit Fussball hatten wir es alle nicht so. Ich will schon ausschalten, da hält mich ihre frohe Miene davon ab.

Was heisst froh…..irgendwie grinst sie sich einen….und dann kommt´s:
„He he, die sind aber ganz schön nervös!“
Spitzbübisch und leicht hämisch verfolgt sie das Geschehen auf dem Platz: „Du, die wissen aber auch nicht, wo ´se hinwollen“ kicher, kicher, die Schadenfreude steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Plötzlich bebt das komplette Bett, ich fürchte um den Infusionsbeutel – gerade hatte jemand ein Tor erzielt und die Spieler umarmten sich im Freudentaumel.
„Hu hu hu, Ha ha ha“ prustet es aus der Oma, schallend lacht sie und japst: „Jetzt springen die sich auch noch gegenseitig an!!!“

Sowas pfeffert mich dann auch von der Bettkante und ich kriege einen Lachflash. Station 13 wird an diesem Nachmittag mit einer gehörigen Portion Fröhlichkeit beschallt – beschwert hat sich niemand!

Wenn´s am schönsten ist, soll man gehen. Ich verabschiede mich. Hoffe, dass ihr Gehirn die Erinnerung an die Fröhlichkeit ab und an wieder hochspült. Ich bin schon aus dem Zimmer ausser Sichtweite, da höre ich doch glatt, wie meine Oma – meine Oma, die sich stets gepflegt auszudrücken verstand und nie ein Kraftwort verwendete – bedauernd zu ihrer Bettnachbarin sagte:

„Das arme Kind, muss es sich wegen mir jetzt noch so den Arsch abwetzen…“

Oma, was hast du genommen und wo kriegt man das her…?

 

Geräte-Fussball mit Oma
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