Es gibt Zeiten, da habe ich den Eindruck, ich brauche mir keine Nachnamen mehr zu merken. Egal, mit wem ich ins Gespräch komme, mit alten Bekannten oder fremden Menschen.

Spätestens nach dem dritten Satz wird klar: ah, der/die heißt auch hinten dranne „Gehtnichtweil“.

Frau Gehtnichtweil 1 ist topfit, mit allen Wassern gewaschen, hat, wenn es sein muss, Haare auf den Zähnen und kann sich prima durchsetzen – nur ihr Mann kann mit ihr umspringen, wie er will. Und das tut er auch.

Trennung? Neiiin, auf keinen Fall!! Das geht nicht, weil….

Frau Gehtnichtweil 2 mit erstklassigen BWL-Qualitäten und hochfliegenden Plänen in Sachen nochmal studieren, Doktorarbeit schreiben hat die Schnauze voll von der ewigen Kocherei. Tagein, tagaus ist sie für´s Einkaufen, Kochen und für die nächste Wochenplanung der Mahlzeiten zuständig. Ihr steht´s bis hier. Solange die Kinder noch im Haus waren, okay, aber mittlerweile sind alle erwachsen mit eigenem Haushalt und ihr Ehemann Rentner.
Das mit den Mahlzeiten könnte anders organisiert werden, aber das geht nicht, weil…

Herr Gehtnichtweil 1, sowohl handwerklich geschickt wie auch im Umgang mit Menschen, sehr reflektiert und geistig wendig, hat sich mit seiner Ehefrau schon laaaaange auseinandergelebt. Dennoch hat er sich aufopferungsvoll während einer schweren Erkrankung um sie gekümmert und sie ist wieder gesund und selbstständig. Nun quält ihn die Eifersucht, er hat den Verdacht, sie hat einen anderen.

Mal Klartext sprechen? Karten auf den Tisch? Nee! Geht nicht, weil…

Frau Gehtnichtweil 3, vielseitig begabt, sozialkompetent bis zum Anschlag, hangelt sich in ihrem Job schon seit mindestens fünf Jahren von Urlaub zu Urlaub, von Krankenschein zu Krankenschein. Aber sie liebt ihren Beruf! Wenn bloß diese Hektik nicht wäre… Und noch 10 Jahre bis zur Rente! Bis sie – auf der Arbeit – den endgültigen Nervenzusammenbruch erleidet. Sie erkennt: So geht’s nicht weiter. Wirkt auf die Frühberentung hin. Dann sind es nur noch 6 Jahre bis zur Rente. Na, das klingt doch schon besser, oder?
Alternative zum Job finden? Neiiin! Das geht nicht, weil…

Herr Gehtnichtweil 2, ein hochintelligenter Mann mit Umgangsformen wie frisch aus dem Knigge, schleppt sich jedesmal mit dem Kopf unterm Arm in den Betrieb. Er ist gesundheitlich noch gar nicht voll wieder hergestellt und immer wieder auf´s Neue enttäuscht, dass er, obwohl er sich heroisch mit letzter Kraft seinem Arbeitgeber zur Verfügung stellt, keine Schonung erfährt. Und Dank und besondere Anerkennung gibt’s schon mal gar nicht.

Vielleicht das nächste Mal die Grippe in aller Ruhe auskurieren? Oh, nein nein, das geht nicht, weil…

Frau Gehtnichtweil 4, taff, intelligent, vielseitig interessiert ist nach etlichen Berufsjahren nun in Frührente. Nun möchte sie endlich, endlich anfangen zu leben. Ihren Interessen nachgehen, neue Hobbies ausprobieren, spannende Menschen kennenlernen. Doch irgendwie kommt sie nicht dazu. Ihr Alltag frisst ihre Zeit auf. Komisch, schon wieder ein Tag um. Mit dem Abarbeiten von Alltagsroutinen. Irgendwie fühlt sie sich ständig unzufrieden. Wen wundert´s?

Mal Strukturen ändern? Prioritäten neu setzen? Nein, bloß nicht! Das geht nicht, weil…

Herr Gehtnichtweil 3 hat echt Pech gehabt im Leben. In zwei Jahren vier Arbeitsstellen verloren. Nun hängt er in Hartz IV, fühlt sich beobachtet, gegängelt und unfrei. Gesundheitliche Probleme machen ihm zu schaffen. Und die Sache mit dem Geld, die auch. Es ist nie genug da, und wenn doch mal, geht die Waschmaschine kaputt. Oder die Katze wird krank. Er hat das miese Gefühl, nie mehr auf einen grünen Zweig zu kommen und das macht ihn fertig. Depressiv. Natürlich sucht er händeringend einen festen Arbeitsplatz. So einen, wie er früher einmal hatte. Als alles noch gut war. Genau so einen.

Mal etwas anderes ausprobieren? Nein! Geht nicht, weil…

Ach je, ich könnte diese Liste von Gehtnichtweils beinahe endlos fortsetzen. Bei den Gehtnichtweils ist alles schlimm. Nun ja, zumindest die ein oder andere Ecke ihres Lebens hätten sie gerne anders. Schöner, reicher, etwas luxuriöser.

Sie würden ja so gern….aber das lassen die Umstände leider im Moment nicht zu.

Die Umstände – das sind die oder das ist das da draußen.

Die maue Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Der pingelige oder cholerische Chef.

Die nörgelnde Ehefrau.

Und sowieso: die Leute.

Das fehlende Geld.

Der falsche Wohnort.

Zuwenig Zeit.

Ach ja, das Wetter…hatten wir das Wetter schon? Kommt auch auf die Liste.

„Umstände“ finden Gehtnichtweils aber auch in und an sich:

Das kann ich nicht.

Dazu bin ich zu alt/dick/groß/klein/unbeweglich/dumm/hässlich/unerfahren/ etc. etc.

Bin ich nicht der Typ für.

Ist bei mir schon mal schief gegangen.

Tja. Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe.

Immerhin haben alle Gehtnichtweils immerzu etwas zu erzählen. Die Klagen über den mittlerweile ungeliebten Gatten, der sich immer die gleichen Plattitüden raushaut und mit dem kein vernünftiges Gespräch möglich ist; der Job, der nicht mehr der richtige ist bzw. unverschuldet verlustig gegangen ist; die ständige Hetze und Zeitnot.

Da es allen Gehtnichtweils ähnlich geht, finden sie fast immer ein offenes Ohr und Verständnis. „Oh, dir geht’s auch so!“ Na, dann sind wir ja nicht mehr allein.

Die Unzufriedenheit mit dem ein oder anderen Lebensdetail scheint also normal zu sein. Nü denne, sitzen wir´s aus.

„Normales“ wird selten hinterfragt. So kommen die Gehtnichtweils gar nicht auf die Idee, dass es auch anders sein könnte. Schon gar nicht darauf, dass sie selber es in der Hand haben, eine Verbesserung herbei zu führen. Ein neues „Normal“ zu definieren.

Halt nein, das stimmt nicht ganz. Eine Menge Gehtnichtweils haben sehr wohl eine Vorstellung davon, was sich wie zum Besseren für sie wenden könnte.

Aber eben: ES soll sich wenden.

Selber Hand anlegen zum Umwenden scheint dann doch mit zu vielen Nachteilen verbunden zu sein.

Ja klar: ist anstrengend. Erstens ist der Mensch ein Gewohnheitstier und zweitens glauben selbst Leute, die „eigentlich“ von sich überzeugt sind, nicht vollumfänglich an ihre eigene kreative Schaffenskraft. Sie hoffen auf Hilfe von irgendwem/was da draußen.

Wie eine Frau Gehtnichtweil es mal auf den Punkt brachte:

„Ich habe noch nie einer Fliege was zuleide getan, jetzt muss es das Leben aber doch auch mal gut mit mir meinen!“

Und sie wartet… und sie wartet…

Gehtnichtweils warten. Halten aus. Ertragen. Sie bleiben im Gewohnten stecken und erwarten, dass sich irgendetwas ergibt. Ergibt sich nichts oder das Falsche, sind sie enttäuscht. Frustriert. Leben 76 oder 82 Mal (je nachdem, wie alt sie werden) das gleiche Jahr.

Jaja, man hat´s schon schwer.

Das Leben ist nicht leicht, aber leicht hat´s einen.

Und alle nicken voller Zustimmung in schönster Eintracht. So ist das nun einmal. Wieso soll´s dir besser gehen als mir? Immerhin, es könnte schlimmer sein.

„Mit leerem Kopf nickt es sich leichter“ hat der Aphoristiker Zarko Petan mal gesagt.

Ja kommt denn niemand auf die Idee, dass es an uns selbst ist, das, was wir uns für unser Leben wünschen, hereinzuholen? Erschaffe dir das, was passieren soll!

Tust du doch sowieso, denn:

Mache dir klar, dass die Misere, in der du jetzt drin steckst, deine eigene Entscheidung ist.

Du willst abnehmen, beweglicher werden, aber ach, das Sofa ist soooo gemütlich….

Es ist ja vollkommen in Ordnung, wenn du lieber liegen bleibst anstatt durch den kalten Wald zu joggen. Es ist dann halt genau das, was du lieber tust! Und es ist DEINE Entscheidung! Freue dich über dein bequemes Sofa!

Natürlich darfst du auch die nächsten Jahre bei deinem Mann/deiner Frau bleiben, auch wenn schon längst aus der Partnerschaft eine Gegnerschaft geworden ist. Schon oft hast du an Trennung gedacht, alles durchkalkuliert. Aber nein, der Preis ist dir zu hoch… DEINE Entscheidung, völlig okay! Dann genieße deine Zufriedenheit!

Arbeitslosigkeit ist Mist, aber immer noch besser als ein Job, der nicht deinen Bedürfnissen entspricht oder der riskante Schritt in die Selbstständigkeit? Na gut, dann wähle die Arbeitslosigkeit. Das ist weder falsch noch richtig, sondern schlicht und einfach deine Entscheidung. Steh´ dazu!

Sei dir bewusst, dass du mit jedem „geht-nicht-weil“ sowohl andere als auch dich selber belügst.

Treiben wir es zur Verdeutlichung ein letztes Mal auf die Spitze:
„Ich kann nicht kommen, weil ich keine Zeit habe/mir was dazwischengekommen ist/ich krank bin…“ heisst im Grunde stets: mir ist etwas anderes wichtiger/ich nehme mir die Zeit für etwas anderes/ich ruhe mich jetzt lieber aus als zu kommen.

„Ich kann nicht kommen“ stimmt in der Regel erst ab kurz vor tot, wenn du tatsächlich außer Gefecht gesetzt worden bist.

In den meisten Fällen ist es aber deine Entscheidung für das, was du lieber tust.

Viele Gehtnichtweils kommen allein deswegen schon recht fadenscheinig daher, weil das, was angeblich nicht geht, bei Millionen anderen Menschen bereits erfolgreich funktioniert hat.

Es gibt tatsächlich Leidensgenossen, die eine Trennung überlebt haben. Und sich besser fühlen als je zuvor!

Es gibt Menschen, die in einen völlig anderen Beruf gegangen sind. Und ihre Berufung gefunden haben!

Es gibt viele mittel- und hochaltrige Menschen, die sich etwas ganz Neues angeeignet haben, sie haben gelernt. Neu, anders und spannender zu leben!

Es gibt Menschen, die es gewagt haben, ihren alten Job hinzuschmeißen. Und plötzlich gingen ganz andere Türen auf!

Und es gibt die, die irgendwann gesagt haben: Schluss mit der Kocherei! Und keiner ist verhungert!

Heißt du auch Gehtnichtweil? Dann darfst du dich fragen, weshalb ausgerechnet du der einzige Mensch unter Milliarden sein solltest, bei dem das nicht funktioniert.

Du darfst dich aber auch fragen, ob du mit dem, was du bisher für dich entschieden hast, nicht doch ganz zufrieden bist. Es ist in Ordnung, nicht jeden Preis zahlen zu wollen.

Wenn du das klar hast, wird es dir bereits besser gehen, denn erstens hat die Lügerei hat ein Ende und zweitens siehst du, dass du genau das Leben lebst, welches du am meisten liebst!

Herr und Frau Gehtnichtweil

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